Boston Dynamics Stretch: Wie die Containerentladung funktioniert

KI-Illustration: Boston Dynamics Stretch mit Vakuumgreifer, Karton und Förderband im Container. [Bildinhalt mit KI erstellt]

Ein Container mit lose gestapelten Kartons ist eine anspruchsvolle Automatisierungsaufgabe. Die Packstücke liegen nicht auf fest definierten Positionen, Stapel verändern sich während der Entladung, und hinter dem Roboter muss die Fördertechnik Schritt halten. Genau an diesem Übergang zwischen Anlieferung und Lager setzt Boston Dynamics Stretch an.

Stretch ist ein mobiler Roboter zur Handhabung von Kartons. Bei der Containerentladung erkennt er Packstücke, greift sie und übergibt sie an die Fördertechnik. Für einen Betrieb ist deshalb nicht nur die Geschwindigkeit des Arms interessant, sondern der gesamte Ablauf vom angedockten Ladungsträger bis zum korrekt übernommenen Karton.

In diesem Beitrag: Entladeprozess · Daten und Kartons · Durchsatz · Integration · Praxisbelege · Beschaffung

Wofür Stretch entwickelt wurde

Boston Dynamics beschreibt Stretch für das Entladen bodenbeladener Trailer und Container. Ein solcher Ladungsträger enthält Kartons, die nicht erst als geschlossene Palette aufgenommen werden. Der Roboter bearbeitet die erreichbare Vorderseite des Stapels und schafft dadurch Zugang zur nächsten Lage. Offizielle Beschreibung der Containerentladung.

Das unterscheidet die Aufgabe vom Transport einer Palette durch die Halle oder vom Entnehmen eines kleinen Einzelartikels aus einem Behälter. Diese Prozesse haben eigene Greif-, Navigations- und Qualitätsanforderungen. Ein Logistikroboter sollte deshalb nach seinem konkreten Arbeitsablauf eingeordnet werden.

So funktioniert die Containerentladung

  1. Vorbereiten: Ladungsträger, Übergang und Fördertechnik müssen zum vereinbarten Einsatz passen. Das Team prüft die Freigabe des Arbeitsplatzes.
  2. Positionieren: Der Roboter wird zum Einsatzpunkt gebracht und der Entladevorgang gestartet.
  3. Erkennen: Das Wahrnehmungssystem bestimmt erreichbare Kartons und geeignete Ansatzpunkte.
  4. Greifen und ablegen: Der Greifer nimmt Packstücke auf und übergibt sie an das Förderband.
  5. Fortschritt und Ausnahmen bearbeiten: Mit dem Abbau des Stapels verändert sich die Szene. Störungen und Containerwechsel bleiben Teil des Betriebsprozesses.

Diese Ablaufgliederung ist unsere redaktionelle Zusammenfassung des Einsatzprinzips. Sie ersetzt keine Betriebsanleitung. Der Hersteller beschreibt auch das automatische Wiederaufnehmen gefallener Kartons sowie Multipick: Mehrere passende Kartons können in einer Armbewegung bewegt und einzeln an die Fördertechnik abgegeben werden. Daraus folgt keine universelle Verdopplung des Durchsatzes. Funktionsbeschreibung einschließlich Multipick.

Technische Daten und Kartongrenzen

Die folgende Übersicht bezieht sich ausdrücklich auf die offizielle Broschüre mit Copyright 2025. Sie ist eine dokumentierte Referenz; für ein aktuelles Projekt müssen Softwarestand und angebotene Konfiguration zusätzlich feststehen.

Stretch: Herstellerdaten aus der Broschüre 2025
Merkmal Angabe der Broschüre
Maximales Kartongewicht 23 kg / 50 lb
Vertikale / horizontale Reichweite 3,2 m / 1,95 m
Grundfläche / Eigengewicht etwa 1 × 1,25 m / 1.300 kg
Batterielaufzeit bis zu 16 Stunden
Ladetempo mit Schnelllader 90 % in 1 Stunde 45 Minuten
Betriebstemperatur 5 bis 45 °C
Kartonformat Rechteckige Kartons mit verklebten oder mit Klebeband verschlossenen Klappen
Genannter Kantenbereich 15 bis 91 cm
Entladerate 600 bis 800 Kartons pro Stunde

Quelle: Stretch-Broschüre, Spezifikationen auf Seite 7. Die Unterlage nennt unter anderem Standard- und High-Cube-Container mit 20 beziehungsweise 40 Fuß. Eine Typbezeichnung allein ersetzt keine Prüfung des konkreten Ladungsträgers.

Warum das Kartongewicht allein nicht genügt

Ein Karton kann leicht genug sein und trotzdem Probleme verursachen: Seine Oberfläche ist beschädigt, er hängt an einem anderen Packstück, oder die erreichbare Fläche ist für einen sicheren Griff ungünstig. Für eine Abnahme sollten deshalb reale Sendungen aus dem eigenen Warenstrom bereitstehen.

Der Hersteller beschreibt Labortests mit kundenspezifischen Kartons und teilweise tatsächlich eingesandter Fracht. Das ist ein nützlicher Ausgangspunkt für eine eigene Prüfliste: Größenverteilung, Oberflächen, Verformungen und besonders dicht gepackte Ladungen gehören in das Testmaterial. Einblick in das Stretch-Testlabor.

Eine Freigabe für typische Gebrauchsspuren ist kein Versprechen, jeden beschädigten Karton zu entladen. Im Projekt sollte festgelegt werden, welche Sendungen ausgeschlossen sind und wie das Team mit ihnen umgeht. Sonst verschwinden schwierige Fälle aus der Vorführung und tauchen erst im Alltag wieder auf.

600 bis 800 Kartons pro Stunde: Was bedeutet diese Zahl?

Eine veröffentlichte Entladerate beschreibt zunächst einen Leistungswert unter nicht vollständig in der Zahl sichtbaren Bedingungen. Für den Vergleich müssen Warenmix, Messdauer und Pausenregel bekannt sein. Wurden nur aktive Greifphasen gemessen oder auch Containerwechsel, Rückstau und Eingriffe?

Für die Gesamtleistung empfehlen wir: korrekt übergebene Kartons geteilt durch die gesamte betrachtete Betriebszeit. Zusätzlich sollte die reine Arbeitsrate während aktiver Entladung ausgewiesen werden. Die Differenz zeigt, wie stark Wechsel und Unterbrechungen den Prozess beeinflussen.

Ein selbst gewähltes Rechenbeispiel verdeutlicht das: Werden 600 Kartons in 60 Minuten aktiver Arbeit bewegt und kommen 15 Minuten Unterbrechung hinzu, beträgt die Rate über das 75-minütige Zeitfenster 480 Kartons pro Stunde. Das ist eine mathematische Illustration, keine gemessene Stretch-Leistung.

Was Hermes Fulfilment tatsächlich berichtet

Otto meldete am 19. September 2025 drei zusätzliche Stretch-Roboter im operativen Einsatz in Haldensleben. Als Leistung nennt der Bericht 550 statt geplanter 500 Kartons pro Stunde. Das ist eine Betreiberangabe, kein unabhängiger Benchmark. Messdauer und vollständige Verteilung der Einzelergebnisse werden dort nicht offengelegt. Otto-Bericht zum Ausbau in Haldensleben.

Der Fall ist aussagekräftiger als ein beliebiger Spitzenwert, weil er eine konkrete Anlage und einen Sollwert benennt. Er lässt sich dennoch nicht unmittelbar auf einen anderen Warenstrom übertragen. Auch liegt kein Widerspruch allein darin, dass ein betrieblicher Wert unter einer Broschürenangabe liegt: Die Bezugsbedingungen können verschieden sein.

Die Fördertechnik bestimmt mit

Wenn der nachfolgende Scanner einen Karton nicht erfasst oder das Förderband stockt, hilft ein schnellerer Griff nicht weiter. Die entscheidende Systemgrenze verläuft deshalb nicht am Handgelenk des Roboters. Sie umfasst mindestens Ladungsträger, Greifer, Bandübergabe, Erfassung und Störungsbearbeitung.

Die frühe Otto-Fallbeschreibung von 2024 nennt eine hydraulisch verstärkte Laderampe und zusätzliche Scanner an der Förderanlage. Der Aufwand war damit größer als das bloße Aufstellen eines Roboters. Otto zur Einführung am Standort Haldensleben.

Bei einer Standortprüfung sollten Tragfähigkeit, Übergänge, Rangierflächen und Freiräume dokumentiert werden. Hinzu kommen Energieversorgung, Netzverbindung und die Zuständigkeit bei Rückstau. Der Anbieter sollte schriftlich darlegen, welche Voraussetzungen bereits erfüllt sein müssen und welche Arbeiten zum Lieferumfang gehören.

Menschen bleiben Teil der Entladung

Automatisiertes Greifen beseitigt nicht jede andere Arbeit am Wareneingang. Im Betrieb müssen Container bereitgestellt, Ausnahmen bearbeitet und Qualitätsfragen entschieden werden. Eine Kennzahl wie „Roboter pro Bedienperson“ ist deshalb nur zusammen mit Aufgabenverteilung, Schichtmodell und Störungsaufkommen sinnvoll.

Für die Personalplanung empfehlen wir, Eingriffe mit Dauer und Ursache zu erfassen. Zehn kurze Rückfragen und ein langwieriger Stopp können dieselbe Gesamtzeit beanspruchen, benötigen aber unterschiedliche organisatorische Lösungen. Das Protokoll sollte technische Fehler von nachgelagerten Prozessproblemen unterscheiden.

DHL, Hermes und Lidl richtig einordnen

DHL veröffentlichte am 13. Mai 2025 eine Absichtserklärung für mehr als 1.000 zusätzliche Stretch-Roboter weltweit. Die Zahl bezeichnet einen Ausbauplan; sie darf nicht als bereits installierte Flotte in Deutschland gelesen werden. DHL-Mitteilung zur Absichtserklärung.

Für lokale Belege bietet unser Deutschland-Register eine getrennte Übersicht. Die bestehende Lidl-und-Stretch-Fallanalyse behandelt einen weiteren Unternehmenskontext. Produktdossier und einzelne Fallstudie erfüllen verschiedene Zwecke: Das Dossier erklärt die Technik, die Fallstudie den konkreten Einsatz.

Stretch kann sich weiterentwickeln – der Einsatzumfang muss trotzdem feststehen

Boston Dynamics führt inzwischen auch eine Seite zu Case Picking. Funktionen für weitere Lageraufgaben sollten jeweils mit eigener Konfiguration und Verfügbarkeit geprüft werden. Sie sind kein automatischer Bestandteil jeder bereits installierten Entladelösung. Herstellerinformationen zu Case Picking.

Für einen Vertrag zählt daher die angebotene Aufgabe im aktuellen Zustand. Eine angekündigte Erweiterung kann interessant sein, sollte aber nicht die Abnahme einer heute benötigten Funktion ersetzen. Gleiches gilt für zusätzliche Ladungsträger und regionale Besonderheiten.

Welche Fragen vor einer Beschaffung geklärt sein sollten

  • Welche Kartons und Ladungsträger sind ausdrücklich freigegeben?
  • Wie wird Durchsatz gemessen, und welche Pausen fließen ein?
  • Welche Arbeiten an Rampe, Fördertechnik und Netz sind erforderlich?
  • Wie viele Eingriffe fallen im vereinbarten Testszenario an?
  • Wie werden beschädigte oder nicht greifbare Packstücke behandelt?
  • Welche Leistungen umfassen Software, Wartung und Ersatzteilversorgung?
  • Welche Kriterien müssen erfüllt sein, bevor der Betreiber den Prozess übernimmt?

Der richtige Vergleich ist nicht „Roboter gegen Menschen“ in einer einzelnen Szene. Verglichen werden zwei vollständige Wareneingangsprozesse mit gleicher Fracht, Qualitätsanforderung und Zeitbasis. Erst damit lassen sich Durchsatz, Belastung und Kosten nachvollziehbar bewerten.

Häufige Fragen zu Stretch

Kann Stretch alle Kartons entladen?

Nein, eine universelle Eignung folgt aus den veröffentlichten Angaben nicht. Kartonform, Gewicht, Zustand und Zugänglichkeit müssen zum freigegebenen Einsatz passen.

Funktioniert Stretch ohne Umbauten?

Das hängt vom Standort ab. Der dokumentierte Haldensleben-Fall zeigt, dass zusätzliche Infrastrukturarbeiten nötig sein können.

Ist die maximale Rate eine garantierte Schichtleistung?

Nein. Die Schichtleistung muss Wechsel, Unterbrechungen und Qualitätsanforderungen berücksichtigen. Ein allgemeiner Datenblattwert genügt dafür nicht.

Den Überblick über die übrigen Plattformen liefert unser Boston-Dynamics-Dossier.

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Nico Nuss [Bildinhalt mit KI erstellt]

Der Autor Nico Nuss beschäftigt sich seit 2001 mit den Themen Mobile Computing und Automation Software. Auf Grund seiner Erfahrung und dem starken Interesse für Zukunftstechnologien gilt seine Aufmerksamkeit den Themen Robotik und AI.