Sechs intelligente Kommissionierroboter haben im neuen Werk von Swire Coca-Cola in Zhengzhou den regulären Betrieb aufgenommen. Die Maschinen des chinesischen Herstellers SETH Robotics greifen, transportieren und stapeln Getränkepakete, die wegen ihrer flexiblen Kunststofffolie für klassische Automatisierung ungewöhnlich schwierig zu handhaben sind. Damit erreicht das Projekt eine wichtige Stufe: Es handelt sich nicht nur um eine Vorführung, sondern um einen Einsatz innerhalb einer realen Lieferkette.
Swire Coca-Cola begann nach Angaben des Unternehmens im September 2026 mit der robotergestützten Kommissionierung. In das Werk in der zentralchinesischen Provinz Henan flossen laut South China Morning Post rund 900 Millionen Yuan, umgerechnet etwa 134 Millionen US-Dollar. Die sechs Roboter arbeiten in drei Gruppen und werden jeweils von fahrerlosen Transportfahrzeugen unterstützt.
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Warum Getränkepakete für Roboter schwierig sind
Ein stabiler Karton besitzt definierte Kanten, eine weitgehend gleichbleibende Form und eine Oberfläche, die Kameras vergleichsweise zuverlässig erkennen können. Bei einem mit transparenter Folie umwickelten Getränkepaket ist das anders. Die Folie reflektiert Licht, bildet Falten und bietet visuellen Systemen nur wenige eindeutige Merkmale. Gleichzeitig können sich die Flaschen und die Verpackung unter Druck verschieben.
Für den Roboter entsteht dadurch ein kombiniertes Wahrnehmungs- und Greifproblem. Er muss die Lage des Pakets trotz Spiegelungen bestimmen, einen geeigneten Greifpunkt finden und genug Kraft aufbringen, ohne die Verpackung zu beschädigen. Verformt sich das Gebinde während der Bewegung, stimmen die ursprünglich berechneten Abstände nicht mehr exakt. Ein starres Programm, das bei jedem Zyklus dieselbe Bewegung abspult, erreicht deshalb schnell seine Grenzen.
Genau diese unscheinbare Schwierigkeit macht den Einsatz redaktionell interessanter als viele spektakuläre Humanoiden-Videos. In einem Getränkelager zählt nicht, ob ein Roboter eine Aufgabe einmal unter kontrollierten Bedingungen schafft. Entscheidend ist, ob er sie über viele Stunden mit wechselnden Verpackungen, reflektierenden Oberflächen und eng getakteten Warenströmen wiederholt.
Virtuelles Training vor der realen Bewegung
SETH Robotics bezeichnet das eingesetzte System als SAI. Nach Angaben des Unternehmens werden Arbeitsschritte wie Verfolgen, Greifen, Bewegen und Stapeln zunächst in einer virtuellen Lagerumgebung simuliert. Erst wenn eine Bewegungsfolge dort als ausführbar bewertet wurde, erhält die reale Maschine die entsprechenden Befehle.
Die Daten aus dem laufenden Betrieb sollen anschließend wieder in Training und Simulation einfließen. Dadurch entsteht ein Kreislauf: planen, ausführen, Abweichungen erfassen und das Modell anpassen. Das soll die Abhängigkeit von manueller Programmierung für jede einzelne Verpackungsvariante reduzieren.
Dieser Ansatz ist ein praktisches Beispiel für Physical AI. Die KI verarbeitet nicht nur Texte oder Bilder, sondern muss ihre Entscheidungen unter realen physikalischen Bedingungen umsetzen. Ein falsch eingeschätzter Reflex auf der Folie oder ein ungenauer Greifpunkt führt nicht lediglich zu einer falschen Antwort auf einem Bildschirm, sondern möglicherweise zu beschädigter Ware oder einem Anlagenstopp.
600 Kisten pro Stunde sind zunächst eine Herstellerangabe
Jin Yichao, Technikchef von SETH Robotics, nennt für das System eine maximale Last von 40 Kilogramm pro Zyklus, eine Leistung von bis zu 600 Kisten pro Stunde und eine Genauigkeit von annähernd 100 Prozent. Diese Werte wurden in der aktuellen Berichterstattung jedoch nicht durch einen unabhängigen Dauertest bestätigt.
Für eine belastbare Bewertung fehlen insbesondere Angaben zu mehreren Punkten:
- Wie häufig muss ein Mensch nach einem Fehlgriff eingreifen?
- Wie hoch ist der durchschnittliche Durchsatz über eine vollständige Schicht?
- Welche Verpackungsgrößen und Folientypen wurden tatsächlich getestet?
- Wie lange steht eine Linie bei Wartung oder einem beschädigten Paket still?
- Wie entwickeln sich Kosten und Zuverlässigkeit nach mehreren Monaten Betrieb?
Die Unterscheidung ist wichtig: Eine angegebene Spitzenleistung ist nicht dasselbe wie ein belegter Durchschnittswert. Auch eine „nahezu hundertprozentige“ Genauigkeit sagt wenig aus, solange Testdauer, Zahl der Zyklen und Definition eines erfolgreichen Vorgangs unbekannt bleiben.
Warum der Einsatz wirtschaftlich relevant ist
Der Getränkehandel verändert sich durch kleinere Verkaufsstellen, Verkaufsautomaten und stärker fragmentierte Bestellungen. Ein Lager muss deshalb nicht nur große, gleichartige Paletten bewegen, sondern häufiger unterschiedliche Produkte für verschiedene Absatzkanäle zusammenstellen. Nach Aussage von Swire Coca-Cola soll die Automatisierung die Lieferkette flexibler auf diese Nachfrage reagieren lassen.
Für europäische Getränkehersteller und Logistikzentren ist das Prinzip übertragbar. Gerade dort, wo schwere Gebinde, wiederkehrende Hebevorgänge und wechselnde Zusammenstellungen zusammentreffen, können spezialisierte Roboter körperlich belastende Arbeit übernehmen. Der geschäftliche Nutzen hängt aber nicht allein von der Roboterleistung ab. Integration in Fördertechnik, Warenwirtschaft, Sicherheitskonzept und Wartungsabläufe entscheidet darüber, ob aus einer funktionierenden Maschine eine wirtschaftliche Anlage wird.
Der Einsatz zeigt außerdem, dass der nächste große Robotikschritt nicht zwingend humanoid aussehen muss. Eine auf einen eng umrissenen Prozess zugeschnittene Maschine kann früher wirtschaftlichen Nutzen liefern als ein vielseitiger Humanoid, der noch viele verschiedene Fähigkeiten zuverlässig kombinieren muss.
Der nächste Beleg muss aus dem Dauerbetrieb kommen
Swire Coca-Cola und SETH Robotics wollen das Modell nach einer erfolgreichen Reifung auch auf andere Werke übertragen. Als mögliche Anwendungen nennt der Hersteller unter anderem Milch- und Alkoholprodukte, Fahrzeug- und Bahnverladung sowie Gepäckabfertigung an Flughäfen.
Ob daraus ein wiederholbares Automatisierungsmodell entsteht, wird sich nicht an der Zahl angekündigter Einsatzfelder entscheiden. Maßgeblich sind dokumentierte Betriebsstunden, Fehlerraten, verfügbare Anlagenzeit und die Kosten je kommissionierter Einheit. Der wichtigste Fortschritt in Zhengzhou ist deshalb vorerst ein nüchterner: Sechs Roboter arbeiten an einem realen Warenstrom. Jetzt muss der Dauerbetrieb zeigen, ob sie diese schwierige Aufgabe verlässlich genug für weitere Fabriken lösen.
Quellen
- South China Morning Post: Swire Coca-Cola gets robots for heavy lifting, 22. September 2026
- ANTARA/Xinhua: Fabrik in Henan setzt intelligente Sortierroboter ein, 22. September 2026

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