Nicht jeder manuelle Prozess ist ein guter Robotikprozess. Hohe Personalkosten allein reichen nicht, und ein technisch lösbarer Griff kann wirtschaftlich trotzdem falsch sein. Der folgende Potenzialrechner strukturiert die Vorauswahl. Er ersetzt weder Sicherheitsbewertung noch Machbarkeitsversuch, macht Entscheidungen aber vergleichbarer.
In diesem Artikel
Zuerst die Ausschlussfragen
Ein attraktiver Score darf grundlegende Probleme nicht überstimmen. Vor jeder Bewertung müssen Produkt- und Prozessverantwortliche klären, ob der Prozess stabil genug beschrieben ist, ob gefährliche Stoffe oder unbeherrschte Kräfte auftreten, ob qualitätskritische Entscheidungen automatisierbar geprüft werden können und ob die erforderlichen Daten rechtmäßig verarbeitet werden dürfen.
Acht Kriterien, jeweils null bis drei Punkte
| Kriterium | 0 Punkte | 3 Punkte |
|---|---|---|
| Wiederholbarkeit | Ablauf ändert sich ständig | klarer, häufig wiederkehrender Ablauf |
| Teilevarianz | unbekannte Formen und Lagen | wenige definierte Varianten |
| Prozessfenster | stark schwankende Zeiten und Kräfte | messbare und stabile Grenzen |
| Ergonomie | geringe körperliche Belastung | häufiges Heben, Zwangshaltung oder monotone Belastung |
| Sicherheit | schwer beherrschbare Gefährdungen | Risiken konstruktiv und organisatorisch gut beherrschbar |
| Schnittstellen | keine digitalen Signale oder Stammdaten | stabile Maschinen- und Auftragsdaten |
| Volumen | seltene Einzelaufgabe | ausreichend viele Zyklen über planbaren Zeitraum |
| Störungsbeherrschung | Ausnahmen sind unbekannt | Störungen sind dokumentiert und sicher behandelbar |
So wird der Score interpretiert
- 19 bis 24 Punkte: vertiefte Machbarkeit und Wirtschaftlichkeitsrechnung sinnvoll
- 13 bis 18 Punkte: Potenzial vorhanden, zuerst schwache Kriterien bearbeiten
- 0 bis 12 Punkte: aktuell kein guter Pilotkandidat; Prozess stabilisieren oder alternative Technik prüfen
Der Score ist kein Beschaffungsautomat. Ein Prozess mit hoher ergonomischer Entlastung kann auch bei mittlerem Finanzscore sinnvoll sein. Ein Prozess mit 22 Punkten kann ausscheiden, wenn eine nicht beherrschte Sicherheitsfrage existiert. Gründe und Annahmen sind wichtiger als die Summe.
Beispiel: Kartons von einem Förderband auf Palette
Angenommen, Formate und Gewichte sind bekannt, das Volumen ist hoch, die Tätigkeit ergonomisch belastend und die Fördertechnik liefert stabile Signale. Der Prozess erhält hohe Werte bei Wiederholbarkeit, Ergonomie, Volumen und Schnittstellen. Schwachpunkt ist eine große Zahl beschädigter oder offener Kartons. Das Team sollte deshalb vor dem Roboterpilot die reale Ausschuss- und Variantenquote messen und eine sichere Ausschleusung definieren.
Beispiel: Unsortierte Reparaturteile diagnostizieren
Hier variieren Teile, Fehlerbilder und Entscheidungen stark. Selbst ein sehr leistungsfähiger Roboter löst nicht automatisch die diagnostische Wissensarbeit. Geeigneter könnte eine Assistenzlösung sein: Kamera und KI schlagen eine Klassifikation vor, während ein Mensch entscheidet und der Roboter nur standardisierte Handhabung übernimmt.
Vom Score zum belastbaren Projekt
- Top-Prozess am realen Arbeitsplatz beobachten
- mindestens eine Woche Varianten und Störungen erfassen
- manuelle Baseline aus Zeit, Qualität, Ergonomie und Kosten erstellen
- Technologiealternativen vergleichen, etwa Vorrichtung, Fördertechnik oder Cobot
- Sicherheitskonzept und Bedienrollen skizzieren
- kleinen Machbarkeitstest mit vorher festgelegten Erfolgsschwellen durchführen
Was in die Wirtschaftlichkeit gehört
Neben Roboter, Greifer und Integration gehören Schulung, Sicherheitsmaßnahmen, Datenanbindung, Wartung, Ersatzteile, Umrüstungen und menschliche Interventionen in die Rechnung. Auf der Nutzenseite stehen nicht nur eingesparte Minuten, sondern auch weniger Ausschuss, vermiedene Verletzungsrisiken, planbarere Qualität und zusätzliche Kapazität.
Alle Annahmen sollten als Bandbreite modelliert werden. Ein einziger optimistischer ROI-Wert verschleiert, wie stark Auslastung, Autonomiequote oder Produktmix das Ergebnis verändern.
Häufige Fragen
Kann der höchste Score direkt automatisiert werden?
Nein. Er ist ein Signal für die vertiefte Prüfung. Sicherheit, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Sensitivität bleiben eigene Entscheidungsschritte.
Wer sollte den Prozess bewerten?
Mindestens die Beschäftigten am Arbeitsplatz, Prozessverantwortung, Instandhaltung und Arbeitsschutz. Eine reine Managementbewertung übersieht oft reale Ausnahmen.
Warum zählt Ergonomie separat?
Robotik kann gesundheitlich belastende Tätigkeiten reduzieren. Dieser Nutzen wäre in einer reinen Lohnkostenrechnung unsichtbar.
Wie oft wird die Bewertung aktualisiert?
Nach relevanten Prozess-, Produkt- oder Technologieänderungen und spätestens vor einer Investitionsfreigabe.
Quellen
- Roboterspezialist: Robotik-Potenzialrechner – Themenimpuls
- EU-OSHA: OiRA – Gefährdungsbeurteilung
- BAuA: Mentale Modelle in Mensch-Roboter-Teams – menschzentrierte Arbeitsgestaltung
- Alpha Bionic: Robotik für den Mittelstand – Auswahl- und Einführungskontext
Autor Nico Nuss beschäftigt sich seit 2001 mit Mobile Computing und Automatisierungssoftware. Seine langjährige Erfahrung und sein ausgeprägtes Interesse an Zukunftstechnologien bilden die Grundlage seiner Arbeit zu Robotik und künstlicher Intelligenz.

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