Safety over EtherCAT, kurz FSoE, ermöglicht den Transport sicherheitsgerichteter Informationen über dasselbe Kommunikationssystem wie normale Prozessdaten. Das spart separate Verdrahtung und unterstützt flexible Roboterzellen. Das Protokoll macht eine Anwendung jedoch nicht automatisch sicher: Risikobeurteilung, geeignete Geräte, korrekte Parameter und Validierung bleiben unverzichtbar.
In diesem Artikel
Was FSoE ist – und was nicht
FSoE ist ein sicherheitsgerichtetes Kommunikationsprotokoll für EtherCAT. Es ist in IEC 61784-3 standardisiert und laut EtherCAT Technology Group für Anwendungen bis SIL 3 geeignet. Sichere Telegramme werden innerhalb der normalen EtherCAT-Kommunikation übertragen. Die darunterliegende Übertragungsstrecke wird dabei nach dem Black-Channel-Prinzip nicht als sicher vorausgesetzt.
FSoE ist keine einzelne Sicherheitsfunktion. Es übermittelt die Daten, mit denen eine Sicherheitssteuerung und ein sicherer Antrieb beispielsweise STO, SS1 oder SLS anfordern und überwachen können. Welche Funktion erforderlich ist, ergibt sich aus der Risikobeurteilung der Maschine.
Wie der Black Channel abgesichert wird
| Mechanismus | Erkannte Fehlerart | Praktische Bedeutung |
|---|---|---|
| CRC-Prüfung | veränderte oder beschädigte Nutzdaten | Telegrammmanipulationen und Übertragungsfehler werden erkannt |
| laufende Nummer/Sequenz | Wiederholung, Verlust oder falsche Reihenfolge | veraltete Befehle werden nicht still akzeptiert |
| eindeutige Verbindungskennung | Verwechslung von Sender und Empfänger | sichere Zuordnung zwischen Master und Slave |
| Watchdog-Zeit | verspätete oder ausgebliebene Nachricht | System wechselt bei Kommunikationsverlust in definierten sicheren Zustand |
| Zustandsautomat | unerwartete Kommunikationszustände | Start, Datenaustausch und Fehlerreaktion bleiben kontrolliert |
Typische sichere Antriebsfunktionen
- STO – Safe Torque Off: verhindert drehmomenterzeugende Energie im Antrieb
- SS1 – Safe Stop 1: kontrolliertes Abbremsen mit anschließendem STO
- SLS – Safely Limited Speed: überwacht eine festgelegte Geschwindigkeitsgrenze
- SOS – Safe Operating Stop: hält die Position bei aktiv geregeltem Antrieb
- SDI – Safe Direction: überwacht eine zulässige Bewegungsrichtung
Die genaue Wirkung hängt von Antrieb und Maschinenkonzept ab. Ein sicher begrenztes Signal ersetzt weder mechanische Grenzen noch die Beurteilung von Nachlaufweg, Werkzeug, Last und möglichem Versagen weiterer Komponenten.
Beispiel einer Roboterzelle
Eine Bedienperson öffnet eine überwachte Schutztür. Der sichere Eingang meldet den Zustand an die Sicherheitssteuerung. Diese fordert über FSoE eine geeignete sichere Antriebsfunktion an. Die sicheren Antriebe bestätigen ihren Zustand; erst danach darf der Prozesszugang gemäß Sicherheitskonzept erfolgen. Beim Schließen reicht das Türsignal allein nicht: Quittierung, freie Gefahrenzone und kontrollierter Wiederanlauf müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
Engineering-Fragen vor der Implementierung
- Welcher Performance Level oder SIL ist aus der Risikobeurteilung erforderlich?
- Welche Reaktionszeit hat die gesamte Sicherheitskette vom Sensor bis zum Antrieb?
- Welche FSoE-Master- und Slave-Geräte sind für die Zielarchitektur geeignet und zertifiziert?
- Wie werden Verbindungskennungen, Watchdogs und sichere Parameter verwaltet?
- Welche sichere Reaktion folgt auf Leitungsbruch, Gerätetausch oder Neustart?
- Wie werden Änderungen versioniert, geprüft und gegen unbefugten Zugriff geschützt?
Reaktionszeit ist eine Systemeigenschaft
Für Schutzabstände zählt nicht nur die Buszykluszeit. Sensorreaktion, sichere Logik, Kommunikations-Watchdog, Antriebsreaktion und mechanischer Nachlauf addieren sich. Konservative Grenzwerte müssen dokumentiert und am realen System verifiziert werden. Eine schnelle Standardkommunikation garantiert keine ausreichend kurze sichere Gesamtreaktion.
Inbetriebnahme und Validierung
| Prüfung | Testidee | Nachweis |
|---|---|---|
| Zuordnung | Verbindung oder Gerät gezielt falsch konfigurieren | Fehler wird erkannt und sicherer Zustand erreicht |
| Kommunikationsverlust | Leitung oder Teilnehmer kontrolliert unterbrechen | Watchdog-Reaktion entspricht Spezifikation |
| Sicherheitsfunktion | STO, SS1 oder SLS unter Grenzbedingungen auslösen | Reaktionszeit und Endzustand gemessen |
| Wiederanlauf | Spannungs- und Kommunikationsrückkehr simulieren | kein unerwarteter automatischer Start |
| Änderungsmanagement | Gerätetausch oder Parameteränderung durchführen | Autorisierung, Version und erneute Prüfung nachvollziehbar |
Häufige Missverständnisse
- Ein FSoE-zertifiziertes Gerät zertifiziert nicht die gesamte Maschine.
- Standard- und Safety-Daten auf einem Kabel bedeuten nicht, dass Standardkomponenten sicherheitsgerichtet werden.
- Funktionale Sicherheit und Cybersecurity sind verschieden, müssen bei vernetzten Anlagen aber gemeinsam gestaltet werden.
- Eine erfolgreiche Kommunikation beweist noch nicht die richtige Sicherheitsfunktion oder den ausreichenden Schutzabstand.
Häufige Fragen
Braucht FSoE ein separates Safety-Kabel?
Nein. Sichere Telegramme können über die normale EtherCAT-Infrastruktur transportiert werden. Die Sicherheitsintegrität entsteht durch das Protokoll und die sicheren Endgeräte.
Ist FSoE bis SIL 3 geeignet?
Die EtherCAT Technology Group beschreibt FSoE als für Anwendungen bis SIL 3 geeignet. Ob eine konkrete Maschine das Ziel erreicht, hängt von der gesamten Sicherheitsfunktion ab.
Was passiert bei Kommunikationsausfall?
Der konfigurierte Watchdog und die sichere Logik müssen innerhalb der festgelegten Zeit einen definierten sicheren Zustand auslösen.
Wer darf FSoE-Parameter ändern?
Nur autorisierte, fachkundige Personen im geregelten Änderungsprozess. Nach sicherheitsrelevanten Änderungen ist eine angemessene Revalidierung erforderlich.
Quellen
- EtherCAT Technology Group: Safety over EtherCAT – offizielle Protokollübersicht
- ETG: Safety over EtherCAT Introduction – technische Einführung
- Synapticon: FSoE Functional Safety over EtherCAT – technischer Themenimpuls
- Alpha Bionic: Funktionale Sicherheit in der Robotik – Grundlagen zu Sicherheitsfunktionen
Autor Nico Nuss beschäftigt sich seit 2001 mit Mobile Computing und Automatisierungssoftware. Seine langjährige Erfahrung und sein ausgeprägtes Interesse an Zukunftstechnologien bilden die Grundlage seiner Arbeit zu Robotik und künstlicher Intelligenz.

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