IP-Schutzklassen werden häufig gesucht – technisch korrekt heißt die Kennzeichnung jedoch IP-Schutzart. Ob IP20, IP44, IP65, IP67 oder IP68: Die zwei Ziffern sehen einfach aus, werden aber erstaunlich oft falsch interpretiert. Dieser Leitfaden erklärt den IP-Code vollständig, zeigt die Grenzen der Prüfungen und hilft bei der Auswahl für Roboter, Sensoren, Schaltschränke und andere Industriekomponenten.

Das Wichtigste in Kürze: Die erste Kennziffer beschreibt den Schutz gegen Berührung und feste Fremdkörper, die zweite den Schutz gegen Wasser. IP68 bedeutet nicht automatisch, dass ein Gerät auch eine Strahlwasserprüfung nach IP65 oder IP66 bestanden hat. Entscheidend sind immer die vollständige Kennzeichnung, die Prüfbedingungen und die Herstellerangaben.
In diesem Artikel

Was bedeutet die IP-Schutzart?

Die Abkürzung IP steht für International Protection. Der IP-Code ordnet ein, wie gut ein Gehäuse gefährliche Teile gegen Berührung abschirmt und wie stark es das Eindringen fester Fremdkörper sowie von Wasser begrenzt. Grundlage ist die internationale Norm IEC 60529; in Deutschland wird sie als DIN EN 60529 beziehungsweise VDE 0470-1 angewendet.

Im Alltag wird häufig von „IP-Schutzklassen“ gesprochen. Fachlich ist das ungenau: Schutzart meint die IP-Kennzeichnung eines Gehäuses. Schutzklasse bezeichnet dagegen Schutzmaßnahmen gegen einen elektrischen Schlag, etwa Schutzklasse I mit Schutzleiter oder Schutzklasse II mit doppelter beziehungsweise verstärkter Isolierung. Ein Gerät kann deshalb gleichzeitig eine IP-Schutzart und eine elektrische Schutzklasse besitzen.

Die Kennzeichnung beschreibt einen standardisierten Prüfzustand. Sie ist weder ein pauschales Qualitätsurteil noch ein Versprechen, dass ein Produkt in jeder realen Umgebung dauerhaft dicht bleibt. Alternde Dichtungen, Temperaturschwankungen, Chemikalien, UV-Licht, Bewegung, Druckwechsel oder unsachgemäß montierte Steckverbinder können die Schutzwirkung verändern.

IP-Code richtig lesen: Was sagen die Ziffern?

Ein typischer Code lautet beispielsweise IP67. Die 6 ist die erste Kennziffer: Das Gehäuse ist staubdicht und vollständig gegen den Zugang zu gefährlichen Teilen geschützt. Die 7 ist die zweite Kennziffer: Das Gehäuse wurde gegen zeitweiliges Untertauchen geprüft. Beide Eigenschaften werden getrennt bewertet.

Steht an einer Position ein X, wurde für diese Schutzwirkung keine Kennziffer angegeben. IPX4 macht also eine Aussage zum Schutz gegen Spritzwasser, aber keine Aussage zum Fremdkörperschutz. Ein X bedeutet nicht automatisch „kein Schutz“ – es bedeutet zunächst nur „nicht spezifiziert“.

Infografik zum Lesen von IP-Schutzarten: erste Kennziffer für Berührung, Fremdkörper und Staub; zweite Kennziffer für Wasser [Bildinhalt mit KI erstellt]
IP-Schutzarten richtig lesen: Die beiden Kennziffern bewerten unterschiedliche Belastungen.

IP-Schutzarten-Tabelle: alle Kennziffern im Überblick

Erste Kennziffer: Berührungs- und Fremdkörperschutz

Ziffer Schutz gegen Zugang Schutz gegen feste Fremdkörper
0 kein Schutz kein Schutz
1 mit dem Handrücken Durchmesser ≥ 50 mm
2 mit einem Finger Durchmesser ≥ 12,5 mm
3 mit einem Werkzeug Durchmesser ≥ 2,5 mm
4 mit einem Draht Durchmesser ≥ 1,0 mm
5 mit einem Draht staubgeschützt; Staub kann in begrenzter, nicht schädigender Menge eindringen
6 mit einem Draht staubdicht

Zweite Kennziffer: Schutz gegen Wasser

Ziffer Schutzwirkung Typ der normierten Wasserbeanspruchung
0 kein Schutz keine Wasserprüfung
1 Tropfwasser senkrecht fallende Tropfen
2 Tropfwasser bei Neigung senkrechte Tropfen bei bis zu 15 Grad geneigtem Gehäuse
3 Sprühwasser Wasser bis 60 Grad beiderseits der Senkrechten
4 Spritzwasser Wasser aus allen Richtungen
5 Strahlwasser Wasserstrahl aus einer Düse aus allen Richtungen
6 starkes Strahlwasser kräftiger Wasserstrahl aus allen Richtungen
7 zeitweiliges Untertauchen begrenzte Dauer und Eintauchtiefe nach Normprüfung
8 dauerndes Untertauchen Bedingungen werden zwischen Hersteller und Anwender vereinbart und müssen anspruchsvoller als IPX7 sein
9 Hochdruck- und Heißwasserstrahl Wasser mit hohem Druck und hoher Temperatur aus mehreren Winkeln

Die Tabellen geben die Bedeutung wieder, ersetzen aber keine Prüfung nach Norm. Werte wie Düsenabstand, Durchfluss, Druck, Temperatur, Prüfdauer und Gehäusegröße gehören zur jeweiligen Prüfmethode. Für Konstruktion, Ausschreibung oder Konformitätsbewertung ist deshalb der vollständige Normtext maßgeblich.

Häufige IP-Schutzarten erklärt

Code Bedeutung Typische Einordnung
IP20 fingersicher, kein Wasserschutz geschützte, trockene Innenräume und elektrische Einbauten
IP44 Schutz gegen Fremdkörper ≥ 1 mm und Spritzwasser Komponenten in feuchteren oder teilgeschützten Bereichen
IP54 staubgeschützt und spritzwassergeschützt viele Industriegehäuse bei moderater Belastung
IP55 staubgeschützt und gegen Strahlwasser geschützt Produktion, Technikräume, robuste Antriebe
IP65 staubdicht und gegen Strahlwasser geschützt Sensorik, Gehäuse und Roboterkomponenten in staubiger oder regelmäßig nasser Umgebung
IP66 staubdicht und gegen starkes Strahlwasser geschützt Außenanwendungen und kräftigere Reinigungsstrahlen
IP67 staubdicht und gegen zeitweiliges Untertauchen geschützt mobile Systeme, bodennahe Sensorik und zeitweilige Überflutung
IP68 staubdicht und für dauerndes Untertauchen unter vereinbarten Bedingungen Unterwasseranwendungen nur innerhalb der konkret angegebenen Tiefe und Dauer
IP69 / IP69K Schutz bei Hochdruck- und Heißwasserstrahlen intensive Reinigung, Hygiene- und Fahrzeuganwendungen; Norm und genaue Kennzeichnung beachten

IP65 oder IP67 – was ist der Unterschied?

IP65 prüft Strahlwasser, IP67 zeitweiliges Untertauchen. Das sind verschiedene Belastungen. Ein Gehäuse kann die Tauchprüfung bestehen, ohne für einen konzentrierten Wasserstrahl ausgewiesen zu sein. Wird beides benötigt, sollte die Dokumentation beide Schutzarten ausdrücklich nennen, etwa IP65/IP67.

IP67 oder IP68 – ist IP68 immer besser?

IP68 ist nur dann die passendere Wahl, wenn dauerhaftes Untertauchen tatsächlich zum Einsatzprofil gehört. Die konkreten Bedingungen – insbesondere Tiefe, Dauer, Temperatur und zulässige Funktion während der Prüfung – müssen aus Datenblatt oder Herstellererklärung hervorgehen. Die Kurzangabe IP68 allein ist für einen belastbaren Produktvergleich zu wenig.

IP69 und IP69K: ähnlich, aber nicht beliebig austauschbar

IPX9 wurde in die DIN EN 60529 aufgenommen. Die Kennzeichnung IPX9K beziehungsweise IP69K begegnet vor allem im Fahrzeugbereich und wird mit der ISO 20653 verknüpft. Weil Prüfanordnung und Anwendungsbereich von der herangezogenen Norm abhängen, sollte in Lastenheften nicht nur „IP69K“ stehen, sondern auch die Normausgabe und die geforderte Prüfung.

Welche IP-Schutzart braucht ein Roboter?

Für Roboter gibt es keine pauschal richtige Kennziffer. Ein stationärer Cobot im trockenen Montagebereich stellt andere Anforderungen als ein Reinigungsroboter, ein AMR in einer staubigen Halle oder ein Inspektionssystem im Freien. Die Auswahl beginnt daher nicht bei einer möglichst hohen Zahl, sondern beim realen Belastungsprofil.

  1. Umgebung erfassen: Welche Partikel kommen vor? Gibt es Staub, Fasern, Metallabrieb, Tropfwasser, Regen, Spritzwasser, Reinigungsstrahlen oder Überflutung?
  2. Betriebs- und Reinigungszustände trennen: Ein Roboter kann im Betrieb nur Spritzwasser sehen, bei der Reinigung aber Hochdruck, heißes Wasser und Chemikalien.
  3. Alle Schnittstellen prüfen: Sensorfenster, Lüfter, Wellen, Kabeldurchführungen, Steckverbinder, Not-Halt, Ladeanschlüsse und Wartungsklappen sind häufig kritischer als die große Gehäusefläche.
  4. Konfiguration beachten: Die IP-Angabe kann nur für korrekt montierte Gegenstecker, geschlossene Abdeckungen oder eine definierte Einbaulage gelten.
  5. Nachweise vergleichen: Prüfbericht, Zertifikat, Normausgabe, Tiefe, Dauer und getestete Konfiguration sind aussagekräftiger als eine alleinstehende Marketingangabe.

Praxis-Matrix für typische Robotikumgebungen

Umgebung Relevante Belastung Prüffrage an Hersteller oder Integrator
Trockene Elektronik- oder Montagezelle Berührung, kleine Fremdkörper Welche Schutzart gilt für Roboter, Controller und offene Anschlüsse jeweils?
Staubige Fertigung oder Lager leitfähiger oder abrasiver Staub Genügt IP5X oder ist IP6X erforderlich? Wie werden Wärme und Filterung beherrscht?
AMR nahe Toren oder im Außenbereich Regen, Pfützen, Staub, Temperaturwechsel Gilt die Bewertung auch für Sensorik, Ladeport und Bodenseite?
Lebensmittel-, Pharma- oder Washdown-Bereich Strahlwasser, heißes Wasser, Reinigungsmittel Welche Hochdruck-/Heißwasserprüfung und welche chemische Beständigkeit sind nachgewiesen?
Inspektion in Schächten oder Wasser Untertauchen, Druck, Korrosion Welche Tiefe, Dauer, Zyklenzahl und Medien gelten für IP68?

Bei mobilen Robotern ist das Gesamtsystem nur so robust wie seine schwächste betriebsnotwendige Schnittstelle. Ein IP67-Gehäuse hilft wenig, wenn der eingesetzte Ethernet-Stecker im gesteckten Zustand nur IP20 erreicht oder der Ladeanschluss während der Fahrt offenliegt. Auch Zubehör und nachträgliche Umbauten müssen deshalb in die Bewertung einbezogen werden.

Sieben häufige Fehler bei IP-Schutzklassen

  1. „IP68 ist automatisch gegen alles darunter geschützt.“ Die Wasserprüfungen IPX7, IPX8 und IPX9 unterscheiden sich von den Strahlwasserprüfungen IPX5 und IPX6. Eine Mehrfachkennzeichnung schafft Klarheit.
  2. „Wasserdicht bedeutet unbegrenzt dicht.“ Jede Aussage gilt nur für definierte Bedingungen. Bei IP68 sind die Herstellerbedingungen unverzichtbar.
  3. „Die Kennziffer gilt für das ganze System.“ Roboterarm, Basis, Controller, Pendant, Stecker und Zubehör können unterschiedliche Schutzarten haben.
  4. „Das X steht für null Schutz.“ Es steht für eine nicht angegebene beziehungsweise nicht klassifizierte Kennziffer.
  5. „IP beschreibt auch Stoßfestigkeit.“ Mechanische Schlagfestigkeit wird separat über den IK-Code nach DIN EN 62262 bewertet.
  6. „IP bedeutet Explosionsschutz.“ Für explosionsgefährdete Bereiche gelten eigene Anforderungen, etwa ATEX und IECEx. Eine hohe IP-Schutzart ersetzt sie nicht.
  7. „Eine Laborprüfung deckt Alterung und Chemie ab.“ Korrosion, Reinigungsmittel, UV-Licht, Vereisung und Dichtungsverschleiß benötigen zusätzliche Werkstoff- und Umweltbewertungen.

IP-Schutzart, IK-Code und elektrische Schutzklasse

Kennzeichnung Was sie beschreibt Beispiel
IP-Code Berührungs-, Fremdkörper- und Wasserschutz eines Gehäuses IP67
IK-Code Widerstand eines Gehäuses gegen mechanische Stöße IK08
Elektrische Schutzklasse Schutzmaßnahme gegen elektrischen Schlag Schutzklasse I, II oder III
Explosionsschutz Eignung von Geräten für explosionsgefährdete Bereiche ATEX-/IECEx-Kennzeichnung

Häufige Fragen zu IP-Schutzarten

Welche IP-Schutzart ist für draußen geeignet?

„Draußen“ ist kein einheitliches Prüfprofil. Regen, Staub, Kondensation, Sonne, Frost und zeitweilige Überflutung müssen getrennt betrachtet werden. IP65 oder IP66 sind häufige Ausgangspunkte für staub- und strahlwasserbelastete Gehäuse, reichen aber allein nicht als Nachweis für UV-, Korrosions- oder Frostbeständigkeit.

Ist IP44 regenfest?

IP44 bedeutet Schutz gegen feste Fremdkörper ab 1 Millimeter und gegen Spritzwasser aus allen Richtungen. Ob das für einen konkreten Außeneinsatz genügt, hängt zusätzlich von Montageposition, Expositionsdauer, Alterung und weiteren Umwelteinflüssen ab.

Kann man mit IP67 schwimmen oder duschen?

Die Kennzeichnung beschreibt eine Gehäuseprüfung, keine allgemeine Freigabe für jede Nutzung. Duschen erzeugt Strahlwasser, Schwimmen beinhaltet Bewegung, wechselnden Druck und gegebenenfalls Salz- oder Chlorwasser. Maßgeblich ist die ausdrückliche Freigabe des Geräteherstellers.

Wie tief darf ein IP68-Gerät ins Wasser?

Das lässt sich aus „IP68“ allein nicht ablesen. Tiefe, Dauer und weitere Bedingungen werden festgelegt und müssen in der technischen Dokumentation stehen. Zwei IP68-Produkte können daher für sehr unterschiedliche Eintauchtiefen freigegeben sein.

Ist IP69K die höchste Schutzart?

IP69 beziehungsweise IP69K steht für eine anspruchsvolle Hochdruck-/Heißwasserprüfung, aber nicht für „universell am besten“. Für langes Untertauchen ist IPX8 die relevante Prüfung; für Stoß, Chemikalien oder Explosionsschutz gelten andere Nachweise. Die beste Schutzart ist diejenige, die das tatsächliche Einsatzprofil vollständig abdeckt.

Bleibt die Schutzart nach einer Reparatur erhalten?

Nur wenn Dichtungen, Schraubmomente, Kabelverschraubungen und Montagevorgaben korrekt wiederhergestellt werden. Nach Eingriffen oder Umbauten kann eine erneute Prüfung beziehungsweise Freigabe erforderlich sein.

Fazit: Die Zahl ist nur der Anfang

Die IP-Kennzeichnung ist ein nützliches Vergleichswerkzeug, wenn beide Ziffern getrennt gelesen werden. Für eine sichere Auswahl sind zusätzlich Prüfbedingungen, Einbaulage, Steckverbinder, Zubehör, Reinigung, Alterung und weitere Umweltanforderungen zu betrachten. Gerade in der Robotik zählt nicht die höchste Zahl auf dem Datenblatt, sondern ein nachvollziehbarer Schutz des kompletten Systems im vorgesehenen Einsatz.

Quellen und weiterführende Normenhinweise

Bewerte den Beitrag hier!
[Total: 1 Average: 5]
Nico Nuss [Bildinhalt mit KI erstellt]

Autor Nico Nuss beschäftigt sich seit 2001 mit Mobile Computing und Automatisierungssoftware. Seine langjährige Erfahrung und sein ausgeprägtes Interesse an Zukunftstechnologien bilden die Grundlage seiner Arbeit zu Robotik und künstlicher Intelligenz.

Recherche und Transparenz

Grundlage sind die öffentlich zugänglichen Beschreibungen und Prüfhinweise zu IEC 60529, DIN EN 60529/VDE 0470-1, DGUV-Informationen, VDE-Prüfinformationen und ISO 20653:2023. Die Normtexte sind teilweise kostenpflichtig. Der Beitrag fasst die zugänglichen Normbeschreibungen redaktionell zusammen und ersetzt keine produktspezifische Konformitätsprüfung.

Quellen