Mit dem 4NE1 Gen 3.5 will NEURA Robotics einen europäischen Humanoiden vom Messestand in reale Arbeitsumgebungen bringen. Der 1,80 Meter große Roboter kombiniert ein von Studio F. A. Porsche mitgestaltetes Gehäuse, berührungsempfindliche Sensorhaut und austauschbare Unterarme mit einem vernetzten KI-Ökosystem. Doch hinter den großen Versprechen stehen auch präzise Einschränkungen: 100 Kilogramm trägt 4NE1 nicht einfach in den Händen, der Dauerbetrieb ist nicht dasselbe wie eine endlose Akkuladung – und die breite industrielle Bewährung steht noch bevor.

NEURA Robotics aus Metzingen bezeichnet 4NE1 als kognitiven Humanoiden für Industrie, Service und später auch den Alltag. Die aktuelle Generation 3.5 wurde auf der CES 2026 in Las Vegas präsentiert. Sie soll sich in einer von Menschen eingerichteten Welt bewegen, Gegenstände handhaben und mit Personen zusammenarbeiten. Der Name 4NE1 wird wie „for anyone“ ausgesprochen – der Anspruch ist also bewusst breit.

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Was der NEURA 4NE1 Gen 3.5 tatsächlich ist

4NE1 ist ein menschenähnlicher, mobiler Roboter mit zwei Armen, Händen und Beinen. Seine Bauform soll ihn mit bestehenden Arbeitsplätzen kompatibel machen: Türen, Regale, Werkbänke und Werkzeuge wurden für menschliche Reichweiten und Bewegungen entworfen. Genau darin liegt das wirtschaftliche Argument für humanoide Roboter. Eine Fabrik müsste nicht für jede neue Aufgabe vollständig umgebaut werden, sofern der Roboter dieselben Wege und Schnittstellen nutzen kann.

NEURA nennt Transport-, Manipulations- und multimodale Interaktionsaufgaben als Kernanwendungen. Die Produktseite zeigt außerdem Varianten auf Rädern für ebene Industrieböden und Ausführungen mit einer zusätzlichen Achse für mehr Reichweite. Der Humanoide ist damit eher eine Plattformfamilie als ein einziges, für alle Einsätze identisches Produkt.

Technische Daten: 20 Kilogramm in den Armen, bis zu 100 Kilogramm abgestützt

Das im Juni 2026 veröffentlichte NEURA-Datenblatt nennt 55 Freiheitsgrade, darunter Hände mit jeweils zwölf Freiheitsgraden. Die folgenden Werte stammen direkt von NEURA und beziehen sich auf den 4NE1 Gen 3.5:

Merkmal Offizielle Angabe
Höhe 180 cm
Gewicht 80 kg
Geschwindigkeit bis 5 km/h
Freiheitsgrade 55
Hände 12 Freiheitsgrade
Nutzlast der Arme 20 kg
Maximale Nutzlast bis 100 kg bei beinabgestützten Konfigurationen; anwendungsabhängig
Wahrnehmung 360-Grad-Erfassung, multimodale Interaktion, berührungsempfindliche Sensorhaut
Steuerung autonomer Modus, KI-Spracheingabe und Fernsteuerung
Schnittstellen Wi-Fi 6, Ethernet, Python SDK, ROS 2 und C++ SDK

Die Unterscheidung bei der Nutzlast ist wichtig. NEURA nennt 20 Kilogramm für die Arme. Die oft zitierte Marke von 100 Kilogramm gilt laut Fußnote nur für Konfigurationen, in denen die Beine die Last abstützen, und hängt zudem von Lastposition, Endeffektor und Aufbau ab. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass der Roboter 100 Kilogramm frei mit ausgestreckten Armen tragen kann.

Sensorhaut und 360-Grad-Wahrnehmung sollen den Schutzzaun ersetzen

Ein zentraler Unterschied zu klassischen Industrierobotern ist die geplante Zusammenarbeit in gemeinsam genutzten Bereichen. NEURA beschreibt eine Kombination aus 360-Grad-Wahrnehmung, berührungsempfindlicher Außenhaut und multimodaler KI. Porsche Consulting berichtete zudem von sieben 3D-Kameras und NEURAs Omnisensor-Technologie. Die Sensorik soll Menschen von Gegenständen unterscheiden und Berührungen beziehungsweise Annäherungen erkennen.

Das Ziel ist ein Betrieb ohne klassischen Schutzkäfig. Das offizielle Datenblatt enthält jedoch eine wichtige Einschränkung: Sensoren zur Menschenerkennung sind optional und kosten zusätzlich. Ob ein konkreter Aufbau ohne Schutzzaun zulässig ist, entscheidet deshalb nicht allein der Produktname. Maßgeblich sind Anwendung, Werkzeug, Geschwindigkeit, Risikobeurteilung und die tatsächlich verbaute Sicherheitsausstattung.

Die lernfähigen Hände und austauschbaren Unterarme erweitern den Einsatzbereich. Ein Betrieb kann den Roboter mit Händen, Greifern oder spezialisierten Werkzeugen konfigurieren. Gleichzeitig erhöht diese Modularität den Integrationsaufwand: Jede Kombination verändert Reichweite, Lastgrenzen, Kollisionsrisiken und die Anforderungen an die Software.

Dauerbetrieb durch Batteriewechsel – nicht durch einen unendlichen Akku

NEURA wirbt im Datenblatt mit einem 24/7-Betrieb. Dahinter steht nach Unternehmensangaben ein Dual-Batteriesystem, das einen Batteriewechsel ohne vollständiges Herunterfahren ermöglichen soll. Die Aussage beschreibt damit die Verfügbarkeit des Systems, nicht die Laufzeit einer einzelnen Akkuladung. Für einen realen Einsatz bleiben Wechselintervall, Ladeinfrastruktur, Batteriekosten und Verfügbarkeit unter Last entscheidend.

Die Leistungsbilanz eines Humanoiden hängt besonders stark von der Aufgabe ab. Gehen, Heben, dauerhaftes Halten und der Betrieb leistungsfähiger Rechner belasten die Akkus unterschiedlich. Seriöse Vergleiche benötigen deshalb Messwerte aus einem klar definierten Arbeitszyklus statt nur einer maximalen Stundenangabe.

KI-Stack: Neuraverse, NVIDIA GR00T und neue Qualcomm-Module

Auf der CES 2026 zeigte NEURA seine Roboter in Verbindung mit NVIDIA Isaac GR00T, Isaac Lab und Isaac Sim. Diese Werkzeuge dienen dem Training, der Simulation und der Entwicklung von Robotik-Fähigkeiten. Parallel baut NEURA mit Aura AI, NEURA Gym und dem Neuraverse eine eigene Software- und Datenebene auf. Im Neuraverse sollen erlernte Fähigkeiten als wiederverwendbare Bausteine verteilt werden, damit nicht jede Maschine jede Aufgabe von Grund auf neu lernen muss.

Im September 2026 kündigten NEURA und der italienische Elektronikspezialist SECO außerdem Compute-Module mit Qualcomm-Dragonwing-Prozessoren für kognitive Roboter einschließlich 4NE1 an. NEURA spricht dabei von einer verteilten „Brain + Nervous System“-Architektur und Smart Limbs, bei denen Rechenleistung näher an Gelenken und Sensoren sitzt. Das widerspricht der NVIDIA-Integration nicht zwingend: Simulations- und Trainingsplattform, zentrale KI-Modelle und dezentrale Echtzeitsteuerung können unterschiedliche Schichten bilden. Es zeigt aber, dass die Hardwarearchitektur noch weiter industrialisiert und verändert wird.

Preis, Reservierung und geplanter Marktstart

NEURA nennt auf seiner Reservierungsseite einen voraussichtlichen Preis von 98.000 Euro pro Einheit bei Bestellungen von einem bis 19 Robotern. Ab 20 Einheiten werden 60.000 Euro pro Roboter genannt. Beide Beträge verstehen sich ohne Steuern und Versand. Eine Reservierung kostet 100 Euro je Einheit, ist laut Anbieter erstattungsfähig und wird auf einen späteren Kauf angerechnet.

Die Verfügbarkeit des 4NE1 Gen 3.5 wird offiziell für Ende 2026 erwartet. Eine Reservierung ist dabei noch kein Nachweis für Serienreife oder einen verbindlichen Liefertermin. NEURA weist selbst darauf hin, dass sich Hardware und Gestaltung bis zur Veröffentlichung noch verfeinern können. Für Unternehmen zählen deshalb zusätzlich Integrationskosten, Schulung, Wartung, Werkzeuge, Softwarezugänge und die garantierte Verfügbarkeit im realen Prozess.

4NE1 Mini: kleiner Einstieg für Forschung und Bildung

Mit 132 Zentimetern ist der 4NE1 Mini deutlich kompakter. NEURA positioniert ihn für Bildung, Forschung, Prototyping und Unterhaltung. Mehrsprachige Sprachinteraktion, Computer Vision, Reinforcement Learning und Menschenerkennung gehören zu den genannten Fähigkeiten.

Die Standardversion wird mit voraussichtlich 19.999 Euro ohne Steuern und Versand angegeben, enthält aber keine Manipulationshände. Der 4NE1 Mini Pro soll 29.999 Euro kosten und ergänzt zwölf-Freiheitsgrad-Hände, C++-SDK, digitalen Zwilling, Teleoperation und die Vorbereitung für das Training im NEURA Gym. Für beide Varianten verlangt NEURA 100 Euro Reservierungsgebühr und nennt allgemein 2026 als erwarteten Verfügbarkeitszeitraum.

Industrie zuerst, Haushalt später

NEURA zeigt ein breites Spektrum: Materialtransport, Logistik, Montage, Pharma-Produktion, Service, Haushalt und perspektivisch Pflege. Technisch und wirtschaftlich sind diese Bereiche jedoch sehr unterschiedlich. Ein klar begrenzter Prozess in einer Fabrik lässt sich leichter absichern, vermessen und trainieren als ein privater Haushalt mit Kindern, Haustieren, Treppen und ständig wechselnden Gegenständen.

Für die Industrie sind vor allem drei Fragen relevant: Wie viele produktive Stunden erreicht das System? Wie oft muss ein Mensch eingreifen? Und welche Kosten entstehen pro erfolgreich abgeschlossenem Arbeitszyklus? Messevorführungen belegen einzelne Fähigkeiten, ersetzen aber keine Flottendaten über Monate. Bei Pflege- und Haushaltsanwendungen kommen Datenschutz, Haftung und besonders hohe Sicherheitsanforderungen hinzu.

Was Studio F. A. Porsche zum 4NE1 beiträgt

Das schwarz-weiße Erscheinungsbild der Generation 3.5 entstand laut NEURA in Zusammenarbeit mit Studio F. A. Porsche. Das Designbüro geht auf Ferdinand Alexander Porsche zurück, den Gestalter des Porsche 911. Für einen Arbeitsroboter ist Design mehr als Kosmetik: Gehäusekonturen, Griff- und Kontaktflächen, Sichtbarkeit von Gelenken und die optische Lesbarkeit einer Bewegung beeinflussen, wie Menschen Abstand und Absicht der Maschine einschätzen.

Die Porsche-Verbindung ist dennoch kein technischer Leistungsnachweis. Sie macht den Roboter wiedererkennbar und kann Ergonomie sowie Akzeptanz unterstützen. Tragkraft, Sicherheit, Autonomie und Wartbarkeit müssen sich unabhängig davon im Betrieb bewähren.

Die Alpha-Bionic-Einordnung

4NE1 Gen 3.5 gehört zu den ambitioniertesten europäischen Humanoiden. Besonders überzeugend ist die Kombination aus mechanischer Plattform, taktiler Wahrnehmung, offenen Entwicklerschnittstellen und einer Infrastruktur für Training und geteilte Fähigkeiten. Ebenso positiv ist, dass NEURA inzwischen konkrete Preise, differenzierte Lastangaben und ein offizielles Datenblatt veröffentlicht.

Der entscheidende Nachweis steht jedoch noch aus: zuverlässiger, wirtschaftlicher Dauerbetrieb in nennenswerter Stückzahl. Bis dahin sollte 4NE1 weder als bloße Messefigur unterschätzt noch als fertiger Universalhelfer überschätzt werden. Er ist eine reservierbare Plattform kurz vor dem geplanten Marktstart – mit realen technischen Daten, einer klaren europäischen Industrialisierungsstrategie und noch offenen Fragen zur Praxisleistung.

Quellen und Transparenz

Stand: 11. September 2026. Der Beitrag beruht überwiegend auf Herstellerangaben; unabhängige Langzeitdaten aus einem breiten Flottenbetrieb liegen noch nicht vor. Beitragsbild: KI-generierte, modellgetreue Symbolaufnahme nach Abgleich mit dem offiziellen 4NE1-Produktbild; keine Originalaufnahme und kein dokumentierter Einsatz.

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Nico Nuss [Bildinhalt mit KI erstellt]

Der Autor Nico Nuss beschäftigt sich seit 2001 mit den Themen Mobile Computing und Automation Software. Auf Grund seiner Erfahrung und dem starken Interesse für Zukunftstechnologien gilt seine Aufmerksamkeit den Themen Robotik und AI.

Recherche und Transparenz

Redaktioneller Faktencheck auf Grundlage des offiziellen NEURA-Produktblatts V7 vom 5. Juni 2026, der aktuellen Produkt- und Reservierungsseiten, der CES-2026-Mitteilung, der NEURA-SECO-Mitteilung vom 7. September 2026 sowie des Porsche-Newsroom-Beitrags. Herstellerangaben wurden als solche gekennzeichnet; unabhängige Flotten- und Langzeitdaten liegen nicht vor. Kein eigener Produkttest.

Quellen

Dokumentierte Aktualisierung

11.09.2026: Erstfassung. Offizielle Werte für Höhe, Gewicht, Geschwindigkeit, 55 DoF, 20 kg Armnutzlast und bis zu 100 kg in beinabgestützter Konfiguration übernommen. Preise und Verfügbarkeit anhand der NEURA-Reservierungsseiten geprüft. Optionalität der Menschenerkennung und Abgrenzung von Dauerbetrieb zu Akkulaufzeit ergänzt. NVIDIA- und Qualcomm/SECO-Ebenen zeitlich eingeordnet.
11.09.2026: Beitragsbild anhand des offiziellen 4NE1-Produktbilds überarbeitet; Kopf, weiße Brust- und Schulterpanzerung, Gelenke, Hände und Rückenmodul modellgetreuer dargestellt.